Mein guter Freund Matthias bat mich ihm ein Ohr zu leihen.
Er befand sich in den letzten Probenwochen eines Theaterstücks an der Kölner Studiobühne, bei dem er zum ersten Mal Regie führte. Entsprechend wollte ich mich bemühen ihn, als guter Freund, geistig zu unterstützen.
Ich fuhr also zur Bühne, im Glauben ihn entweder abzuholen oder vor Ort ein stilles Bier mit ihm zu trinken. Als ich ankam, stellte sich heraus, dass er mich in eine kurz bevorstehende Vorführung eines anderen Regisseurs gelockt hatte.

Verärgert ging ich mit meinem Freund in das Stück und setzte mich auf eines der für die Zuschauer im Raum arrangierten Sofas. Schon am Eingang wurden mir ein Zettel und ein Filzstift gereicht, auf dem man notieren sollte mit welcher Begebenheit, mit welchem Zustand oder mit welchem Ereignis man am Ende des heutigen Abends seinen Frieden schließen wollte. Mir war schnell klar, dass mich das Schicksal in ein Ereignis hinein stolpern ließ, das später noch wichtig für meinen Lebensweg sein sollte.
Nachdem ich kurz überlegte und dachte ich hätte nichts aufzuschreiben, was ich hinter mir lassen müsse, schrieb ich doch eher beiläufig: “Die Nicht-Bildung der Spiritualität.”

Das war es, was mich bewegte. Ich beschäftigte mich zu jener Zeit mit Paulo Coehlo, bekam Interesse am Jakobsweg und hatte gerade den Film “Die größte Geschichte aller Zeiten” gesehen, durch den ich das erste Mal in meinem Leben ein wenig Mitleid für Jesus empfand. Mitleid im Sinne des Wortes. Ich verstand die Trauer, die Jesus überkam, als er erkannte, dass die Menschen, die er liebte, nicht an ihn glaubten.

Für mich änderte sich vieles in diesem Moment. Mein Leben war immer unchristlich geprägt. Meine Mutter hatte mich atheistisch erzogen. Mein Bruder lehnte schon früh jegliche Spiritualität und Religion ab. Von meinem Vater vermute ich, dass er schon immer eine gewisse Glaubenskraft in sich trug. Er sprach aber nie viel darüber.
Trotzdem hatte ich mich immer für Spiritualität interessiert. Ich vermutete kurz davor zu sein, den Glauben zu verstehen. Eine Kraft, die ich immer befürwortete, in Diskussionen verteidigte und doch selbst nie erfahren hatte. Ich stellte mir den wahrhaftigen Glauben ähnlich dem Gefühl vor, dass ich durch die überwältigende Liebe zu meiner Frau empfand oder im Moment des Schreibens eines bewegenden Gedichts erlebte.

Was ich an diesem Abend also hinter mir lassen wollte, war jene Nicht-Bildung der Spiritualität, die sich in meiner Kindheit ereignet hatte. Die Spiritualität, die sich nicht gebildet hatte und nach der ich so lange schon suchte.
Ich wollte offen und frei sein an alles zu glauben, was mir wahr und richtig erschien. Egal wie mulmig mir bei dem Gedanken war oder wie beeinflusst ich aus Kindertagen und Schulzeit sein mochte. Im Kindergarten hatte ich die gläubigen Betreuer an die Wand diskutiert und bewiesen, dass es keinen Gott geben konnte. Ich fühlte mich stark, im Recht und empfand mich als Held. In der Grundschule landete ich in einer katholischen Klasse und auch hier sträubte ich mich gegen das morgendliche Gebet und die Ansichten der strengen Klassenlehrerin, die uns Kinder, wie ich im Nachhinein trotz ihrer damaligen Wirkung annehme, sehr geliebt hat.

Die Aufführung begann. Nach einigen Monologen zweier Darsteller, einer davon war der Regisseur selbst, wurde ein Video gezeigt, dass den Regisseur mit Perücke und Brille verkleidet auf seiner Reise zur Papstwahl nach Rom zeigte. Dramatische Musik begleitete die Bilder. Er verweilte lange auf dem Petersplatz und wirkte berührt von der Atmosphäre. Das Video zeigte einen traurigen, einsamen, suchenden Deutschen, der an diesem fernen Ort glücklich war. Die Spannung und Emotion steigerte sich, bis endlich der weiße Rauch aus dem Schornstein des Vatikans aufstieg. Die vielen Menschen vorm Petersdom lachten, weinten und jubelten. In diesem Moment wurde in die dramatische Musik, wiederholt und kaum erkennbar, der Ruf “Sieg Heil!” gemischt. Eine deutliche Kritik an der Kirche, vielleicht auch am Christentum selbst, wobei ich für diese Annahme den Regisseur nicht gut genug kenne und nicht beurteilen kann an was und wen er glaubt.

Ich war berührt, da ich ein Verständnis zum Christentum suchte. Ohne die Taten der Kirche gutheißen zu wollen, war ich doch offener geworden für den Glauben der Allgemeinheit in Deutschland und Europa. Ich erinnerte mich an meinen Professor an der Kunsthochschule. Er selbst war, soweit ich weiß, Atheist oder zumindest Agnostiker. Und doch mahnte er uns, die Klasse der Dramaturgen und zukünftigen Schriftsteller, die Bibel zu lesen und uns mit dem Christentum zu beschäftigen. Schließlich bauten jegliche Erzählungen der letzten Jahrhunderte, alle Kultur und alle Rechtsformen unseres Landes auf diesem Glauben auf. Sich so sehr dagegen zu sträuben, alles abzuwehren und nicht nachvollziehen zu wollen, war nicht die Freiheit, die man sich dadurch erhoffte. Verstand man nicht die anderen Menschen, die mit einem in seiner Heimat lebten, befreite man sich nicht, sondern war gefangen und unfrei. Ähnlich, wie es mir eine Therapeutin einmal zu einem anderen Thema erklärt hatte. Ich sprach mit ihr über die Problematik im Leben nicht arbeiten zu wollen und sie erwiderte:
„Ist nicht-zu-arbeiten Freiheit? Oder ist es nicht eine größere Freiheit arbeiten zu können und sich dennoch frei zu fühlen?“

Ich lächelte über die Neckerei vorm Dom “Sieg Heil!” rufen zu lassen. Die Kritik gefiel mir, ich verurteilte sie nicht, trotz meiner neu gefundenen Sympathie für Religionen, die die Liebe zu allen Menschen verkündeten. Das Thema wurde im Stück noch einige Male aufgegriffen. Dann wurden die Zuschauer aufgefordert, einer Prozession zu folgen. Wir liefen einmal um das Gebäude herum. Aus mehreren tragbaren Radios klangen verzerrte, doch rhythmische Klänge. Fast wie ein heiliger Singsang, nicht elektronisch verzerrt, sondern elektronisch erzeugt. Vorne weg wurde ein Kreuz getragen, an das die vielen Zettel getackert worden waren, die die Gäste zu Beginn des Stücks ausfüllen sollten. Das Holzkreuz war nicht mehr zu erkennen, das Gebilde wirkte mehr wie ein Baum aus Papier.

Auf dem Hof der Studiobühne stand eine blecherne Tonne, in der ein Feuer brannte. Daneben standen zwei Frauen in geblümten Kleidern, die an die 70er Jahre erinnerte. Auf dem Kopf trugen sie urtümliche Masken, die offensichtlich aus Plastik gefertigt waren. Ich glaube sie stellten ein Schaf und eine Kuh dar. Der Regisseur hatte sich in Rage gesprochen. Ich spürte, dass die Themen, die er in seinem Stück behandelte, ihn sein Leben lang beschäftigt haben mussten. Sicher hatte er oft verzweifelte Zeiten erleben müssen. Er suchte wie ich eine Heimat in Deutschland.
Ein Heimatgefühl zu haben aber, kam uns falsch vor. Tief im Herzen hatten wir uns als Kinder bewusst gemacht, dass es schlecht war, ein Deutscher zu sein. Dass es schlecht war, ein Land zu lieben und man somit sofort Gefahr lief, zu einem Nazi zu werden. Und ein Nazi wollten wir, zu Recht, alle nicht sein. Die Sehnsucht nach Glauben, abseits der gezwungenen und gesetzten Regeln einer Kirche, schien er ebenso zu empfinden. Und so riss er schreiend einen Zettel nach dem anderen vom Sehnsuchtsbaum, wie er das hölzerne Kreuz nannte. Er warf einen nach dem anderen ins Feuer und schrie, dass wir heute alle Zwänge hinter uns lassen müssten. Dass er sich abwenden wolle von jedwedem gesellschaftlichen Druck, um lieben und glauben zu können, was er selbst lieben und glauben wollte. Er schrie “Brenne Pädophilie meines Trainers, die interessiert uns jetzt nicht mehr!” “Brenne NPD, brenne FDP!” “Brenne Nicht-Bildung der Spiritualität.”

Ich war ein wenig stolz, dass mein Zettel so gut in das Thema des Stückes hinein passte. Vielleicht hatte der Regisseur sogar bemerkt, dass er nicht ganz allein war mit seinen Gedanken. Schließlich wurde der Zettel beschrieben, bevor das Stück begonnen hatte.

Die Nicht-Bildung war verbrannt. Man hatte mir vor dem Ritual zwei schwarze Kiesel in die Hand gedrückt, die ich, während der Regisseur schrie und Zettel ins Feuer warf, rhythmisch aufeinander geschlagen hatte. Hinter uns stand eine Frau an einer großen Trommel und erhöhte den Rhythmus immer dann, wenn die Flammen, vom Papier angefacht, aufloderten. Die Steine gab ich der Frau mit der Kuhmaske zurück, die sich freundlich bedankte. Dann ging ich gemeinsam mit den anderen Zuschauern wieder in das Gebäude, in dem noch eine sogenannte Sehnsuchts-Party stattfinden sollte. Es gab Bier und rotes Thai-Curry, das man schon vor und während des Stückes jederzeit essen durfte.

Ich hatte die Nicht-Bildung meiner Spiritualität hinter mir gelassen. Innerlich aufgewühlt beschloss ich das Erlebte sacken zu lassen, sodass ich diesen Text erst 4 Tage später schrieb.

Dem Regisseur schrieb ich noch Nachts nach dem Stück eine sehr kurze Email, in der ich mich bedankte, seine Gedanken für nachvollziehbar befand und auch ihm versprach, nicht aufzuhören über all die angerissenen Themen nachzudenken.